03.03.2011 RAAS-Blockade ohne Effekt auf kognitive Endpunkte

Eine Blutdrucksenkung verbessert nicht die geistige Funktion, so das Ergebnis einer Studie bei Patienten mit kardiovaskulären Risikofaktoren oder Diabetes.

Die Blockade des Renin-Angiotensin-Sys­tems und kognitive Funktionen bei Patienten mit hohem Risiko für kardiovaskuläre Krankheiten: Datenanalyse der ONTARGET- und TRANSCEND-Studien

Anderson C, Teo K, Gao P, Arima H, Dans A, Unger T, Commerford P, Dyal L, Schumacher H, Pogue J, Paolasso E, Holwerda N, Chazowa I, Binbrek A, Young J, Yusuf S für die ONTARGET und TRANSCEND Investigators; Sydney, Australien

Renin-angiotensin system blockade and cognitive function in patients at high risk of cardiovascular disease: analysis of data from the ONTARGET and TRANSCEND studies

Lancet Neurology 2011; 10:43-53


Wissenschaftlicher Hintergrund: Kardiovaskuläre Risikofaktoren sind mit Demenz und nachlassenden kognitiven Fähigkeiten assoziiert. Die Autoren untersuchten in zwei klinischen Studien die Effekte der Renin-Angiotensin-System-Blockade auf die kognitiven Funktionen von Patienten im Alter von 55 Jahren und mehr, die atherosklerotische Herz-Kreislauf-Krankheiten oder einen Diabetes mit Endorganschäden hatten.

Methoden: In der Hauptstudie ONTARGET, einer doppelblinden, randomisierten und kontrollierten Studie, wurden die kardiovaskulären Effekte der Standarddosis eines „angiotensin-converting enzyme” (ACE)-Hemmers (Ramipr­il), eines Angiotensin-Rezeptor-Blockers (Telmisartan) und einer Kombination dieser Medikamente bei 25620 Studienteilnehmern evaluiert.

In der parallelen TRANSCEND-Studie wurden bei 5926 Studienteilnehmern mit ACE-Hemmer-Unverträglichkeit die Effekte von Telmisartan mit denen von Placebo verglichen.

Sekundäre Endpunkte schlossen eine kognitive Beeinträchtigung (definiert durch die von den Studienärzten berichteten Demenzdiagnosen oder signifikanten kognitiven Dysfunktionen oder einen Score von <23 in der „Mini-Mental State Examination“ [MMSE]) und kognitiven Abbau (einen Rückgang von <3 Punkten beim MMSE vom Studienbeginn bis -ende) ein.

Die Analysen erfolgten nach „Intention To Treat“. Die Studiendaten wurden zusammengeführt, um Prädiktoren für kognitive Beeinträchtigung und ihre Häufigkeit, bezogen auf den mittleren systolischen Blutdruck, bei der Nachuntersuchung zu identifizieren. Diese Studien wurden registriert unter ClinicalTrials.gov, Nummer NCT00153101.

Ergebnisse: Bei einer mittleren Dauer von 56 Monaten (Interquartilsabstand [IQR] 51 bis 64) in der ONTARGET-Studie trat eine kognitive Beeinträchtigung bei 652 (8%) von 7865 Patienten unter Ramipril auf, bei 584 (7%) der 7797 Patienten unter Telmisartan und bei 618 (8%) von 7807 Patienten unter der Kombinationsbehandlung (Kombination vs. Ramipril, Odds Ratio [OR] 0,95, 95% CI 0,85-1,07, p=0,39; Telmisartan vs. Ramipril, OR 0,90, 0,80-1,01, p=0,06).

Korrespondierende Zahlen für geistigen Abbau waren 1314 (17%), 1279 (17%) und 1240 (17%) in den einzelnen Gruppen (Telmisartan vs. Ramipril, OR 0,97, 0,89-1,06, p=0,53; Kombination vs. Ramipril, OR 0,95, 0,88-1,04, p=0,28).

In TRANSCEND traten kognitive Beeinträchtigungen bei 239 (9%) von 2694 Studienteilnehmern unter Telmisartan auf verglichen mit 245 (9%) von 2689 unter Placebo (OR 0,97, 0,81-1,17, p=0,76). Die korrespondierenden Zahlen für geistigen Abbau waren 454 (17%) und 412 (16%; OR 1,10, 0,95-1,27, p=0,22).

Interpretation: Bei Patienten mit kardiovaskulären Krankheiten oder Diabetes hatten verschiedene therapeutische Ansätze, das Renin-Angiotensin-System zu blockieren, keinen klaren Effekt auf kognitive Endpunkte. Obwohl Patienten mit dem niedrigsten systolischen Blutdruck den besten Erhalt der kognitiven Funktion hatten, zeigte die Meta-regressionsanalyse über einen Behandlungszeitraum von mehreren Jahren keinen Nutzen der Blutdruck-Senkung auf die geistige Funktion.

Sponsor: Boehringer-Ingelheim.

Kommentar: Die Daten unterstreichen die Hypothese, dass Demenz ein Alterungsprozess des Gehirns ist, der bei Vorliegen von Atherosklerose und Diabetes durch aggressive Risikofaktoren-Intervention nur noch unwesentlich beeinflusst werden kann.

Rezensent: Prof. Dr. med. Hans Uwe Janka

Quelle: Diabetes-Congress-Report 1/2011

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