11.07.2011 Blutdruck, Diabetes und Lipide als Risikoprädiktoren ausreichend

Wenn Informationen über systolischen Blutdruck, Diabetes und Lipide vorhanden sind, verbessern BMI, Taillenumfang und waist-to-hip-ratio die kardiovaskuläre Risikoprädiktion nicht wesentlich.

Gesonderte und kombinierte Assoziationen von Body-Mass-Index und abdomineller Adipositas mit kardiovaskulären Krankheiten: Eine kollaborative Analyse von 58 prospektiven Studien

The Emerging Risk Factors Collaboration; Cambridge, Großbritannien

Separate and combined associations of Body-Mass-Index and abdominal adiposity with cardiovascular disease: collaborative analysis of 58 prospective studies

Lancet 2011; 377: 1085-109


Wissenschaftlicher Hintergrund: Leitlinien unterscheiden sich hinsichtlich der Bedeutung von Adipositas-Messwerten für die kardiovaskuläre Risikoprädiktion, wenn Informationen für andere Risikofaktoren vorhanden sind. Es wurden deshalb die gesonderten und die kombinierten Assoziationen von Body-Mass-Index (BMI), Taillenumfang und die „waist-to-hip ratio“ mit dem Risiko für eine erstmalige kardiovaskuläre Krankheit untersucht.

Methoden: Herangezogen wurden die individuellen Patientenakten von 58 Kohorten, um die “Hazard ratios” (HRs) pro einer Standardabweichung von 1 von den Ausgangswerten (4,56kg/m2 höherer BMI, 12,6cm höherer Taillenumfang und 0,083 höhere „waist-to-hip ratio“), die Risikodiskriminierung und die Reklassifizierung zu berechnen. Mit wiederholten Erfassungen der Adipositas wurden die „regression dilution ratios“ kalkuliert.

Ergebnisse: Individuelle Akten waren von 221934 Personen in 17 Ländern (14297 inzidente kardiovaskuläre Ereignisse; 1,87 Millionen Personen-Jahre mit Risiko) vorhanden. Wiederholte Erfassungen der Adipositas wurden bei bis zu 63821 Personen (mittleres Intervall 5,7 Jahre [SD 3,9]) gemacht.

Bei Personen mit einem BMI von 20kg/m2 oder höher waren die HRs für kardiovaskuläre Krankheiten 1,23 (95% CI 1,17-1,29) für den BMI, 1,27 (1,20-1,33) für Taillenumfang und 1,25 (1,19-1,31) für die „waist-to-hip ratio“, nach Adjustierung für Alter, Geschlecht und Raucherstatus.

Nach weiterer Adjustierung für den systolischen Blutdruck, Diabetes-Anamnese, Gesamt- und HDL-Cholesterin betrugen die korrespondierenden HRs 1,07 (1,03-1,11) für den BMI, 1,10 (1,05-1,14) für den Taillenumfang und 1,12 (1,08-1,15) für die „waist-to-hip ratio“.

Die Addition der Information über BMI, Taillenumfang oder “Waist-to-hip ratio” zum kardiovaskulären Risiko-Prädiktionsmodell aus konventionellen Risikofaktoren verbesserte die Risikodiskriminierung nicht wesentlich (C-Index-Veränderungen von -0,0001, -0,0001 bzw. 0,0008) oder die Klassifizierung der Teilnehmer zu den Kategorien des prädizierten 10-Jahres-Risikos (Netto-Reklassifizierungs-Verbesserung von -0,19%, -0,05% bzw. -0,05%).

Die Ergebnisse waren ähnlich, wenn die Adipositas-Messwerte in Kombination betrachtet wurden. Die Reproduzierbarkeit war größer für den BMI (“Regression dilution ratio“ 0,95, 95% CI 0,93-0,97) als für den Taillenumfang (0,86, 0,83-0,89) oder die „waist-to-hip ratio“ (0,63, 0,57-0,70).

Interpretation: BMI, Taillenumfang und „waist-to-hip ratio”, erfasst singulär oder in Kombination, verbessern die kardiovaskuläre Risiko-Prädiktion bei Personen in Industrienationen nicht wesentlich, wenn zusätzliche Informationen über den systolischen Blutdruck, Diabetes und Lipide vorhanden sind.

Finanzierung: British Heart Foundation und UK Medical Research Council.

Kommentar: Die Aussage dieser exzellenten epidemiologischen Analyse will nicht das Adipositas-Problem verharmlosen, sondern den unabhängigen Einfluss von Messwerten der Adipositas relativieren. Als Auslöser der traditionellen kardiovaskulären Risikofaktoren, Hypertonie, Diabetes und erhöhte Lipide, hat die Adipositas ein beträchtliches Risikopotential.

Rezensent: Prof. Dr. med. Hans Uwe Janka

Quelle: Diabetes-Congress-Report 3/2011

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