17.06.10 Was nützen klinische Studien ohne korrespondierende Versorgungsforschung?

Die Diabetologie braucht eine bessere und systematische Versorgungsforschung, fordert Prof. Lutz Heinemann, Chefredakteur von Diabetes-CONGRESS-REPORT, im aktuellen Editorial.

Wir wollen innerhalb der Diabetologie eine Diskussion zu folgendem Thema anregen: Warum werden eigentlich klinische Studien, auf deren Begrenztheiten wir hier nicht eingehen wollen, als „absoluter“ Standard von allen Beteiligten im Gesundheitswesen betrachtet – fast wie ein Dogma und ohne eine Überprüfung bzw. Gegenprobe auf die praktische Relevanz?

Dabei ermöglicht doch erst die Abbildung der Versorgungsrealität in unserem Lande eine Aussage dazu, ob diese Studienergebnisse wirklich eine Auswirkung auf die Güte der Betreuungssituation der Patienten haben.

Welche Studienergebnisse kommen in der Praxis an?

Nun ist die pharmazeutische Industrie kräftig bemüht, mit den Ergebnissen klinischer Studien zu werben, in denen neue Produkte zur Diagnose oder Therapie der Patienten untersucht wurden, um die Ärzte damit zur Verschreibung ihrer Produkte zu bewegen. In dieser Hinsicht dienen klinische Studien als Marketinginstrument. Die Kopien dieser Publikationen landen aber vermutlich auf dem Literaturstapel, der gelesen werden soll, sobald man einmal Zeit hat, und damit im Endeffekt sehr wahrscheinlich in der Grundablage, also im Papierkorb.

Nein, solche Studien sind nicht unser Thema. Die Frage ist vielmehr, was kommt von den relevanten Studienergebnissen (die Grenzen sind dabei fließend) in der Praxis an? Wie viel der neuen Erkenntnisse kann der Diabetologe in der alltäglichen Behandlungssituation umsetzen, in welchem Ausmaß nimmt er sie überhaupt wahr und wozu führt dies? Ohne eine Versorgungsforschung innerhalb der Diabetologie, die sich ernsthaft und systematisch mit solchen Fragen beschäftigt, werden wir nichts dazulernen.

Versorgungsrealität hat niedrigen Stellenwert in der Forschung

Doch schaut man sich einmal unsere wissenschaftlichen Kongresse an, auf denen die Ergebnisse solcher Studien in großer Zahl präsentiert werden könnten, stellt man fest: Beispielsweise auf dem letzten EASD-Kongress in Wien gab es – mit dem Fokus auf Deutschland – verdammt wenig zu solchen Fragestellungen.

Die Versorgungsrealität hat anscheinend einen niedrigen Stellenwert innerhalb der klinischen Forschung – sie wird ja auch von niemandem finanziert und akademische Meriten kann man damit eher auch nicht erwerben.

Von einem mehr prinzipiellen Standpunkt aus würde man sich eigentlich einen konstruktiven Dialog zwischen Personen, die klinische Studien durchführen (d.h. der Forschung im weiteren Sinne), und den Praktikern wünschen. Dabei bedeutet Dialog eine Kommunikation in beide Richtungen! Damit die (wichtigen) Ergebnisse klinischer Studien Eingang in die Betreuung von Patienten finden, sollte genau dieser Schnittstelle wesentlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden!

Gewaltige Chance, die Evidenz von Studien zu überprüfen

Unsere eigene Erfahrung mit eher kleineren und bescheidenen Studien zur Versorgungsrealität ist: Man entschuldigt sich in der Diskussion über längere Passagen hinweg dafür, warum dies oder jenes nicht vollständig erfasst und nicht so gemacht wurde, wie es idealerweise sein sollte. Eigentlich sind die fehlenden Daten aber auch ein Ergebnis für sich! Warum wird diese oder jene Messung eben nicht systematisch gemacht und warum weichen Ärzte von den Leitlinien ab, z.B. bei der Diagnose eines Gestationsdiabetes?

Ein beliebtes Thema ist in diesem Zusammenhang die nicht zentralisierte Bestimmung von HbA1c-Werten mit einer einheitlichen Methode, so dass diese Werte nur eingeschränkt vergleichbar sind. Unter streng wissenschaftlichen Gesichtspunkten kann man mit diesem Argument eigentlich jede dieser Studien diskreditieren. Die Kosten und der Aufwand für die ideale Handhabung solcher Aspekte sind in der Praxis bzw. bei Versorgungsstudien allerdings nicht leistbar. Uns ist schon klar, wie viele Dinge in diesem Zusammenhang besser gemacht werden könnten. Nur gibt es dafür von keiner Seite ein wirkliches Interesse, also finanziellen Support und/oder Know-how!

Wenn die Krankenkassen wirklich wissen wollen, wie Patienten in der Breite behandelt werden, und was dabei verbessert werden kann (was absolut nicht des Einsatzes der neuesten und teuersten Therapien bedarf!), dann vergeben sie – indem sie solch eine Forschung nicht unterstützen – eine gewaltige Chance, die Evidenz von Studien und deren Umsetzung in der Realität zu überprüfen.

Daten zur Versorgungsforschung werden gerne genutzt

Unsere Erfahrung ist: Wenn Angaben zur Versorgungsforschung endlich in Ansätzen verfügbar sind, dann werden sie gerne genutzt – auch von der Pharmaindustrie. Konkrete Unterstützung (dabei geht es gar nicht nur ums Geld, sondern auch um Akzeptanz und Interesse) fehlt aber weitgehend und ist in den bisherigen Strukturen einfach nicht vorgesehen.

Wir haben den Eindruck, Versorgungsforschung ist bisher in den Köpfen nicht verankert. Es wird immer die „Maximalforschung“ erwartet, obwohl die damit verbundenen Kosten, der Zeitaufwand, Schulungsaufwand, Dokumentationsaufwand usw. in der alltäglichen Praxis kaum zu leisten sind. In diesem Zusammenhang gilt unser herzlicher Dank allen Kollegen und deren Teams, die, ohne direkt in irgendeiner Form einen Nutzen zu haben, bereit sind, Daten herauszusuchen, Patienten zu befragen, Listen auszufüllen etc. Denn dieser Arbeitsaufwand wird ohne Aufwandskompensation von beteiligten Praxen geleistet.

Solange das Thema klinische Studien nur von Pharmafirmen besetzt wird (etwas anderes fällt den meisten Diabetologen doch beim Wort „Studie“ nicht ein!), werden wir nichts darüber erfahren, ob neue Erkenntnisse der klinischen Forschung wirklich den Patienten helfen. Dabei hätten wir doch alle einen erheblichen „Gewinn“ davon.

Prof. Dr. rer. nat. Lutz Heinemann

Chefredakteur und Herausgeber von Diabetes-CONGRESS-REPORT

Kommentar

Keine Einträge im Gästebuch gefunden.

Kommentar abgeben

* Pflichfelder

Wir freuen uns über jeden Kommentar. Freigeschaltet wird jeder Kommentar nach kurzer Zeit. Beiträge, die persönliche Beleidigungen, Diffamierungen, rechtswidrige Inhalte oder Werbung beinhalten, werden nicht veröffentlicht, ebenso Beiträge, die nicht zum Thema gehören, und Spams.

Jetzt bookmarken:del.icio.usMister Wongoneviewgoogle.comYahooMyWebWebnewsYiggItLinkaARENAlive.comMa.gnolia

Aktuelle Ausgabe

Editorial

Prof. Dr. med. Hans Uwe Janka
20.08.2010

Podcast – Fortbildung zum Anhören

Diabetes Lexikon

Diabetes-world.net