20.08.2010 Diabetes-Komplikationen: Welche Rolle spielt das Alter?

Ältere Menschen leiden unter Zahnausfall, Herzinfarkten, Schlaganfällen, Demenz, Osteoporose, einer höheren Rate an Malignomen etc. Diese Komplikationen finden sich bekanntlich auch in besonderem Maße bei Diabetikern. Es ist daher erstaunlich, dass sich die wissenschaftliche Welt nicht längst die Frage gestellt hat: Ist der Diabetes (Typ-2-Diabetes) eine vorzeitige Alterserscheinung? Eine Reihe von Befunden spricht dafür.
Der Typ-2-Diabetes hat in den letzten Jahrzehnten weltweit vor allem bei älteren Menschen zugenommen. Die Mehrzahl der Diabetiker befindet sich im Rentenalter, und in der Altersklasse der 70- bis 80-Jährigen weist jeder Dritte einen erhöhten Blutzucker auf. Die von vielen Gesundheitsanbietern dramatisierten Entwicklungen in der Diabetesprävalenz lassen sich in den Industrieländern zum größten Teil durch verstärktes Screening und vor allem durch die Alterung unserer Gesellschaft erklären.
Diabetes als biologische Voralterung
Ältere Menschen haben höhere Blutzucker- und HbA1c-Werte als jüngere Personen. Daten der Framingham-Studie und der amerikanischen NHANES (National Health and Nutrition Survey)-Studie zeigen, dass nach dem 40. Lebensjahr die mittleren HbA1c-Werte bei Nichtdiabetikern kontinuierlich ansteigen. Die exakten Gründe hierfür sind vielfach unbekannt. Nach den für alle Altersstufen gleichermaßen festgelegten Kriterien der Diabetesdiagnose können Diabetiker als der obere Teil der Blutzucker-Normalverteilung in einer Gesellschaft angesehen werden.
Haupttodesursache bei Diabetikern sind Herz-Kreislauf-Komplikationen, vor allem die Koronare Herzkrankheit. Nach den Ergebnissen der MRFIT-Studie, der größten Interventionsstudie mit Diabetikerbeteiligung, lag das Koronarrisiko der Diabetiker trotz Berücksichtigung der Risikofaktoren Hypertonie, Zigarettenrauchen und Hypercholesterinämie immer noch drei- bis viermal höher als bei der nichtdiabetischen Kontrollpopulation. Für die Koronare Herzkrankheit, aber auch für alle anderen genannten gesundheitlichen Komplikationen ist das Lebensalter der wichtigste Risikofaktor.
Angenommen, Diabetes stelle ein Stadium einer biologischen Voralterung dar – dann ließe sich die hohe Rate an Herzinfarkten, Schlaganfällen und Niereninsuffizienz mühelos erklären, zumal die Prädiktion mit den anerkannten kardiovaskulären Risikofaktoren einschließlich dem chronologischen Alter in den Statistiken nicht gelingt (Metaanalyse, Lancet 2010; 375: 2215-2222).
Dann würde auch verständlich, warum in den großen Herz-Kreislauf-Interventionsstudien (z.B. ACCORD, VADT, ADVANCE) mit aggressiver Blutzucker-, Blutdruck- und Blutfettsenkung viel weniger erreicht wurde als ursprünglich angenommen. Der Alterungsprozess wäre auch für die höhere Rate an kardiovaskulären Komplikationen in den Vorstadien des Diabetes verantwortlich, die mit dem Risikofaktor Hyperglykämie schwer zu erklären sind.
Hinweise aus der Genetik
Es gibt eine Reihe von Hinweisen auf eine Beziehung von Voralterung und Typ-2-Diabetes. Zuerst muss das klassische Werner-Syndrom genannt werden. Dem autosomal-rezessiv vererblichen Syndrom liegt ein Defekt des WRN-Gens zugrunde, das für eine DNA-Helikase kodiert. Diese Proteine sind an der Reparatur von Schäden des Erbguts beteiligt.
Der Defekt am WRN-Gen führt zu einer rapiden Verkürzung der Telomere. Die Patienten erscheinen bereits im frühen Erwachsenenalter alt, sie weisen typische Alterserscheinungen auf, U.a. spärliche Behaarung, Katarakt, Typ-2-Diabetes, Arteriosklerose und Osteoporose. Aufgrund einer hohen Mutationsrate werden bei Patienten mit Werner-Syndrom häufig maligne Tumoren beschrieben, die neben den arteriosklerotischen Komplikationen (Myokardinfarkt, Schlaganfall) in der Regel die Lebenserwartung verkürzen.
Parallelen zwischen Alter und Diabetes
Für eine Gefäßalterung in Form von Gefäßrigidität und Verkalkung sprechen auch erhöhte systolische Blutdruckwerte. Die Prävalenz der systolischen Hypertonie ist bei Diabetikern ähnlich hoch wie bei den chronologisch eine Dekade älteren Nichtdiabetikern. Ähnliche Vergleiche lassen sich mit der Rate an Herzinfarkten, Herzinsuffizienz und Schlaganfällen führen.
Komplikationen des Zentralen Nerven-Systems (ZNS) bei Diabetikern finden zunehmend das Interesse der Neurophysiologen. Es fanden sich bei Diabetikern im Hippocampus morphologische und elektrophysiologische Veränderungen, die mit kognitiven Störungen assoziiert waren. Viele der ZNS-Anomalien bei Diabetikern ähneln den Veränderungen im Alter. Die zentralen Gemeinsamkeiten zwischen diabetesinduzierten und altersbedingten ZNS-Veränderungen führten zu der Theorie der vorzeitigen gefäßbedingten Gehirnalterung bei Diabetikern (Wrighten SA et al., Biochim Biophys Acta 2009; 1792: 444-453).
Die Rolle der Telomere
Einen großen Fortschritt in der Erforschung menschlicher Alterungsprozesse haben Elizabeth H. Blackburn, Carol W Greider und Jack W. Szostak mit ihren Arbeiten über den Schutz der Telomere gemacht, wofür sie im Jahr 2009 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden.
Während der DNA-Replikation in den Zellen kann das Ende der linearen DNA-Moleküle nicht komplett repliziert werden. Dadurch verlieren die Zellen ununterbrochen Stücke ihrer End-Funktionseinheit (Telomere). Wiederholte Zyklen der zellulären Replikation führen zu zellulärer Seneszenz und sind mit dem Alterungsprozess des Individuums vergesellschaftet.
In einer großen aktuellen Studie konnte – nicht ganz überraschend – gezeigt werden, dass es eine klare Beziehung zwischen leukozytärer Telomeren-Verkürzung und Typ-2-Diabetes gibt (Zee RYL et al. Transl Res. 2010; 155: 166-169). Es fand sich übrigens auch eine inverse Beziehung von Telomerlänge und Body-Mass-Index (BMI), was auf eine mögliche Ursache in der Pathogenese der Telomerverkürzung hindeuten kann.
Diese Daten implizieren, dass die Verkürzung der leukozytären Telomerlänge ein potenzieller Prädiktor für vorzeitiges Altern und für den Typ-2-Diabetes sowie seine Komplikationen darstellt. Ein entsprechender Labortest wird in Kürze marktreif sein. Aus dem Wissen über das menschliche Genom und den Alterungszustand des Individuums könnte eine maßgeschneiderte Medizin resultieren, mit einem für den Patienten adäquaten Aufwand an Intervention und einem Minimum an unerwünschten Nebenwirkungen.
Prof. Dr. med. Hans Uwe Janka
Chefredakteur und Herausgeber von Diabetes-CONGRESS-REPORT
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